Bücher schreiben - für wen?

Abgeschlossen:

  • Das Buch "Gerda Sorger - Porträt einer Künstlerin" wurde am 20.03.2018 in der Kreissparkasse Riedlingen vorgestellt. Mehr als 160 Menschen waren zu der Veranstaltung, die auch eine Ausstellung von Gerda Sorgers Bildern beinhaltete, gekommen. Großen Anklang fand auch die kleine Performance mit Gisela O'Grady-Pfeiffer und Melanie Holzschuh - genau wie die vorgetragenen Kreisler-Lieder durch Uli Hirsch (Käfer).
  • Die Künstlerin steht zwar formal im Vordergrund, es geht mir aber um weit mehr. Gerda Sorger ist eine der letzten Zeitzeuginnen einer für die meisten von uns weit vergangenen Zeit. Die Höhen und Tiefen ihres Lebens sind in nunmehr 70jähriger Friedenszeit nicht mehr gegenwärtig.
  • Es handelt sich um das Porträt einer unwahrscheinlich starken Frau, die unermüdlich und immer wieder für ihre Individualität gekämpft hat und bis ins hohe Alter von inzwischen 94 Jahren nicht davon ablässt.



Gerda Sorger Vernissage "Palette II" 2017

Gerda Sorger und ich in der Galerie Ricki Scopes Vernissage Palette II im Februar 2017



in Arbeit:

  • Erzählung/Roman mit den Themen-Schwerpunkten "Fremdsein", Überwindung schwieriger sozialer Bedingungen, aktuelle Bezüge
  • Kurzgeschichten
  • Lyrik

in Planung:

  • Lebensrückblick - Aufschreiben von Lebensgeschichten von Menschen, die ihrer Nachwelt noch etwas mitzuteilen haben
  • Lyrik in Kombination mit Bildern


Zum Reinschauen:

Autorin - Fotograf - Künstlerin


Gudrun Vogel - Alwin Maigler
Gerda Sorger
Portrait einer Künstlerin


Inhaltsangabe der einzelnen Kapitel


Vorwort                                                                                                                 3
Vernissage „Gerdas Palette 2“                                                                              5
Gerdas „Wohnburg“ und Lebensraum                                                                   8
Kampf um Autonomie und Freiheit                                                                       15
LICHTKUNSTLICHT – Mitgliederausstellung zum                                                  18
30‑jährigen Jubiläum des Kunstvereins Biberach
Kindheit in Calmbach und Oberndorf                                                                   28
Umzug in den Warthegau, Arbeitsdienst                                                             32
Zeit in Weimar                                                                                                     35
Nachkriegszeit in Oberndorf                                                                                41
„Kunst in Oberschwaben – von Bräckle bis Wachter“                                          49
in der Galerie „Fähre“ Bad Saulgau
Berufliche Tätigkeit in Ravensburg und Frankreich                                               55
Umzug nach Riedlingen                                                                                        58
Start als Künstlerin                                                                                               66
Malwoche                                                                                                             76
Einordnung als Künstlerin                                                                                    82
Seligsprechung Pater Sorger                                                                               80
Balanceakt zwischen Freiheit und Abhängigkeit                                                  95
Gerda Sorgers Ausstellungen                                                                              98
Besuch im Kunstmuseum Ravensburg                                                               106
Künstlerischer Erfolg Gerda Sorgers                                                                  110



Vorwort

Die Galeristin Ricki Scopes, bat mich, eine Laudatio anläss­lich der am 15. Januar 2017 geplanten Ausstellung von Gerda Sorgers Bildern zu halten. Spontan stimmte ich zu, dann aber kamen mir doch Bedenken. Zahlreiche Lob­reden hatte ich in den vergange­nen Jahren über ihre Arbei­ten gehört; was um alles in der Welt sollte ich noch von mir geben, ohne fortwährend das Gleiche wiederzukäuen? Anderer­seits wurde mir bewusst, dass ich – ne­ben dem bekannten ober­flächlichen Wissen – wenig fun­dierte Informationen über ihr Leben hatte.
Aus Zeitnot und der Einfachheit halber entschloss ich mich, in der Laudatio an typische und heitere Begebenheiten aus unseren gemeinsam erlebten Zeiten zu erinnern. Ihre unbändige Lebens­energie hervorzuheben, die erkennbar auch in ihren Bildern steckt.
Während der Arbeit am Text der Laudatio hatte mich jedoch ein tieferes Interesse an der alten Freundin gepackt: Was waren die Hintergründe und Bedingungen ihres Lebens, die sie zu der faszinierenden Person hatten werden lassen, die sie ist? An­fang der Neunziger Jahre hatte ich mich intensiv mit Schreiben beschäftigt, konnte sogar zwei kleine Texte veröffentlichen. Dann drängten sich berufliche und familiäre Pflichten in den Vordergrund. Jetzt endlich, als Rentnerin mit sprunghaft frei­gewordenem Zeitbudget, sah ich plötzlich einen guten Weg für einen Wie­der­einstieg. Ich würde über Gerda Sorger schreiben.
Nur zögernd ließ sie sich ein wenig von meiner Begeisterung anstecken, befürchtete sie doch, sie könne sich an rein gar nichts mehr erinnern. Umso erstaunlicher, wie viele Geschich­ten und Erlebnisse dann in rascher Folge doch wieder aus ihrem Gedächtnis aufstiegen.
Aufzeichnungen unserer Gespräche lieferten die Basis, und es brauchte Zeit, bis ich die Grundstrukturen ihres Lebenslaufes einigermaßen erfasst hatte. Aber Stück für Stück nahm das Puzzle Gestalt an, ließ ein Gesamtbild erahnen, das sich über Monate in vielen Gesprächen und gemein­samen Aktivitäten bestä­tigte und vervollständigte. Wir erleb­ten ein intensives Jahr zusammen, gute und schlechte Tage. Körperlich stark einge­schränkt, ist ihre Lebenskraft dennoch ungebrochen. Dieses kleine Buch versucht, sie und ihr Leben zu würdigen; es ist subjektiv und erhebt keinen Anspruch auf historische oder wissenschaf­tliche Ge­nauig­keit. Einerseits ist der sich über fast ein Jahrhundert erstreckenden Lebensgeschichte Gerda Sorgers Raum gegeben, an­dererseits ihrer künstlerischen Ent­wicklung und ihrer unge­heu­ren Schaffenskraft, die auch im 94. Lebensjahr noch nicht zum Erliegen gekommen ist. Ich hoffe, da­mit ihrem Werk und ihrem Leben ein wenig gerecht zu werden.

Eine lange unentschiedene Frage war die der passenden Bebil­derung des geplanten Buches. Der glückliche Hinweis einer Freundin brachte mich mit dem jungen Fotografen Alwin Maigler zusammen. Seine im Februar 2018 entstandenen Aufnahmen zeigen Gerda Sorger in ihrer aktuellen Lebenswelt, inmitten von Relikten aus ihrer Geschichte und der von ihr geschaffenen Bilderwelt. So ergibt sich ein schöner Brückenschlag zwischen dem prall gefüllten Leben einer Frau im hohen Alter und dem jungen Mann, dessen Zukunft noch vollkommen offen ist.

Riedlingen, Februar 2018


Zum Schnuppern - ein Kapitel aus Gerda Sorgers Leben


Nachkriegszeit in Oberndorf

Im Schwarzwald nahm der Überlebenskampf seinen Fortgang.
In Oberndorf zog etwa am 22. April 1945 die französische Armee als Besatzungsmacht ein. Dort lebte Gerda inzwischen mit ihrer Familie wieder im eigenen Haus. Einen besonders nachhaltigen Eindruck hinterließen die fremdartig uniformierten dunkelhäutigen Marokkaner. „Wie die da von den Lastwagen herunter guckten, mit ihren Mäuler voller Goldzähnen!“

Gerda und ihre Familie blieb vor negativen Erfahrungen verschont. Der Hang hinter dem Haus war dicht mit Beeren-Sträuchern bewachsen, dort haben sich die Buben und vor allem auch die schönen Schwestern versteckt. Gerda selbst war bei der leidenden Mutter geblieben. Einer der Soldaten hatte sich mit einem herumliegenden Staubsauger, der die Form einer Mütze mit Rohr hatte, einen makabren Spaß erlaubt, und so getan, als ob das eine Waffe sei. Laut habe sie vor Schreck geschrien, aber niemand hätte ihnen ein Leid angetan.
Offenbar war der Anblick der behinderten Mutter ein guter Schutz für sie gewesen. Noch Tage danach waren aus den Häusern der Nachbarschaft verzweifelte Schreie von Frauen zu hören. „Bis auf eine Männer liebende Dame neben uns, das klang eher lustvoll!“
Die Vergewaltigungen blieben nicht ungesühnt. Zu ihrem Erstaunen ahndeten die Besatzer auch gegenüber ihren eigenen Mitgliedern gesetzloses Verhalten. Die französische Führung machte die Täter ausfindig und verurteilte sie zum Tode.
Die Marokkaner mussten auf dem Friedhof eigenhändig eine große Grube ausheben, sich anschließend an dieser aufstellen, nacheinander wurden alle hinein geschossen. Bei einem Besuch auf dem Friedhof im letzten Jahr zusammen mit Alexander Radulescu, hat Gerda diesen Platz wieder vorgefunden. Anerkennend vermerkt Gerda Sorger, ihre Familie sei immer gut behandelt worden, obwohl die Franzosen ja eigentlich Feinde waren.
Anders als nach dem 1. Weltkrieg hatte es sich die französische Regierung zur Aufgabe gemacht, die deutsche Bevölkerung wieder zu „rezivilisieren“. Über die Installation von Rundfunk, Zeitungen und Kunstgalerien sollte wieder an die „Kulturnation“ Deutschland angeknüpft werden.

In der Oberschule hatte Gerda schon vor dem Krieg französisch gelernt, was ihr jetzt zu Gute kam. Eine Freundin arbeitete bei den Mauser-Werken, einer bekannten Waffenschmiede. Weil die junge Frau nach Freiburg zum Studieren wollte, hatte sie beim Directeur Gerda ins Spiel gebracht. Nächtelang hat die junge Frau wieder französisch gepaukt, um an dem Arbeitsplatz gut bestehen zu können.
Ihre erste Stelle bekam sie beim Directeur der Chauffeure. Die Mauser-Werke beanspruchten in Oberndorf ein riesiges Areal. Mit Militär-Fahrzeugen und Lastwagen bauten die Franzosen das Werk als Reparationszahlungen weitgehend ab und verfrachteten es nach Frankreich. Alle Chauffeure seien lieb und nett gewesen. Allerdings, warf Gerda ein, war sie damals auch ein hübsches Mädchen, das hätten die Franzosen gerne gesehen.
Die Soldaten „knallten“, nach Gerdas Eindruck, die übrig gebliebenen Brote abends „einfach auf den Tisch“. Als sie feststellte, dass diese völlig in Ordnung und noch gut essbar waren, bat sie darum, diese mit nach Hause nehmen zu dürfen. Mit der Zeit hätten die Soldaten ihr von sich aus die Reste direkt gegeben. So habe auch die Familie ein wenig von ihrer Arbeit bei der Besatzungsmacht profitiert.

In dieser Nachkriegszeit waren viele Menschen sehr arm, es gab kaum zu essen, nichts zu kaufen. Mit einer Kollegin, einer wahrscheinlich ursprünglich vom NS-Regime als Arbeitskraft verschleppten jungen Polin, hatte sie sich angefreundet. Eines Tages hat die Freundin geheiratet, sie sei so überaus glücklich gewesen, obwohl sie in ihrer Wohnung praktisch keine Möbel hatte. Die Großmutter der jungen Polin häkelte enorme Spitzenkrägen, auch Gerda hat einmal einen geschenkt bekommen. Ganz plötzlich sei die polnische Oma dann nach Amerika aus gewandert. Ansonsten waren Bekleidungsstücke ausgesprochen rar, sie war mit den alten Militär-Stiefeln ihres Vaters ins Büro gegangen.

Etwas später stieg sie zur Sekretärin des Chefs auf. Alle hätten gewusst, dass der ein übler Frauenheld war, dabei sei er kein schöner Mann gewesen, eher klein und unattraktiv. Eine einfache Schreibkraft aus dem Betrieb hatte er sich zur Geliebten aus erkoren. Das junge Mädchen wurde regelmäßig jeden Morgen in sein Büro gerufen und jeder habe gewusst, was da jetzt passiere, immer wieder habe er sich unschuldige Opfer gegriffen. Noch heute empfindet Gerda ein gewisses Schuldgefühl, als hätte sie etwas dagegen unternehmen müssen, aber was? Sie kannte die Frau des Directeurs und die Tochter, was ihr noch mehr Gewissensnöte bereitete. Hilflos sah Gerda, wie das Mädchen an ihr vorbei durch die Tür des Chefs ging, da war für sie nichts zu machen. Wie das Schicksal so läuft, Gerda hat die Tochter des Directeurs Jahre später wieder in Riedlingen getroffen. Sie absolvierte dort ein Referendariat als Lehrerin, dann sei sie schwanger geworden, eine ganz schlimme Sache zu dieser Zeit. Den Mann habe sie nicht geliebt und sie fragte Gerda um Rat, was sie denn tun solle. „Das wusste ich doch auch nicht...“ so Gerda. Die junge Frau sei dann von der Riedlinger Schule weggekommen, was aus ihr geworden ist, weiß sie nicht.

In den Mauser-Werken haben zwei junge Ingenieure namens Heckler und Koch gearbeitet. „Der Koch hat mich sehr umschwärmt, aber ich habe eben keine Liebe für den empfunden“. Und so einfach mit jemandem ins Bett zu gehen, das sei damals völlig unmoralisch und praktisch unmöglich gewesen. Vielleicht hätte er sie sogar geheiratet, träumt sie ein wenig. Aber damals habe ja auch kein Mensch gewusst, dass die beiden einmal eine gewaltige neue Waffenschmiede begründen werden. Der andere, der Heckler, der war von ihrer Schwester Hedi begeistert. Bei ihrem Ausflug nach Oberndorf hat sie in einem Café erfahren, dass die beiden inzwischen tot sind. „Aber ich lebe noch!“ triumphiert Gerda.

Das Überleben musste sie damals auch im wahrsten Sinne des Wortes erkämpfen. „Schon morgens um 4 Uhr hat sie im Keller in großen Zubern die schmutzigen Sachen eingeweicht, dann durchgewalkt und anschließend mühsam gespült. Die kranke Mutter konnte wenig machen, einzige damals relevante Medizin war das Einreiben der schmerzenden Glieder mit Schnaps. Um diesen zu beschaffen, ist Gerda, ausgestattet mit einer Flasche, über die Dörfer gezogen. Löffelweise wurde ihr bei den Bauern immer wieder ein wenig Kirsch-Schnaps abgegeben. Manchmal hatten die Bauern frisch geräuchert, das roch unglaublich gut und Gerda merkte verstärkt ihren großen Hunger. Gelegentlich bekam sie winzige Stückchen davon ab, auch ein wenig Brot oder Mehl waren ab und an zu ergattern. „Die waren natürlich nicht so von mir ergötzt, da waren viele andere vor mir da!“
Der Ausdruck „betteln“ gefällt ihr nicht, damals hätte man was anderes gesagt, aber das Wort „hamstern“ fällt ihr nicht ein. Wenn die Schnapsflasche voll war, machte sie sich wieder auf den Heimweg. Dort warteten die hungrigen Brüder, die damals um die 16 und 11 Jahre alt waren, gierig hätten die jungen Kerle alles weg gegessen. Am schlechtesten wären die Mutter und die kleine Schwester davon gekommen.
Ein paar Pfennige konnte man sich auch mit dem Sammeln von Bucheckern und ähnlichen Naturalien verdienen. Für die Mandoline ihrer Mutter, die habe so gerne darauf gespielt, konnte sie lediglich ein Pfund Mehl einhandeln. Noch heute ist sie darüber empört. Solche Dinge hatten damals alle keinen Wert, der Hunger stand im Vordergrund. Im Gegensatz zu den amerikanischen Besatzern kamen die Franzosen aus einem durch den Krieg ausgebluteten Land und hatten Not, sich selbst zu versorgen.
Einmal hat Gerda bei einer ihrer Wanderungen auf der Straße eine überfahrene Gans gefunden, eine richtig schöne, große, weiße Gans. Die Bauern erlaubten ihr, das tote Tier mit zu nehmen und sie war unendlich stolz, einen so großartigen Fund gemacht zu haben. Leider konnte kein Stückchen des Tieres gegessen werden, das Fleisch habe furchtbar bitter nach Galle geschmeckt, sei ungenießbar gewesen. Noch heute ist die enttäuschte Gerda überzeugt, dass hinter der Großzügigkeit der Bauern ein Wissen um die Ungenießbarkeit des Kadavers gesteckt habe. In Erinnerung daran ist sie immer noch enttäuscht von der entgangenen üppigen Mahlzeit. Schon bei unglücklichen Ereignissen angekommen, fällt ihr noch ein Unheil ein. Sie hatte das Glück, eine Tüte Waschpulver aufzutreiben, Seife war damals eine große Rarität. Aus Unachtsamkeit stieß sie das Waschpulver um und es vermischte sich mit dem daneben stehenden und ebenso umgestürzten Grieß. „Wenn du mal Pech hast, dann richtig!“ Unzählige Male habe sie den Grieß gewaschen, aber bis zum letzten Krümel hatten sie den Seifengeschmack im Mund, gegessen wurde er natürlich trotzdem.

Das schrecklichste und traurigste Ereignis in dieser Zeit aber war der Unfalltod der geliebten älteren Schwester Hedi. In der frühen Nachkriegszeit gab es noch keine Konfektionskleidung zu kaufen. Das Mädchen sollte ein neues Kleid bekommen, zur Anprobe musste sie zur Schneiderin in den Nachbarort. Ein französischer Soldat hatte sich bereit erklärt, die junge Frau mit dem Auto in den Nachbarort zu fahren.
Einige Zeit später klingelte es an der Haustür, Gerda öffnete und ein Franzose stand mit Unheil verkündender Miene davor.
Er wolle die Mutter sprechen, es habe einen Unfall gegeben. In furchtbarer Ahnung und panischer Angst schrie Gerda auf, der Offizier bestätigte den Tod der Schwester.
Es hatte geregnet, das Auto mit „Kriegsreifen“ ausgestattet, war ohne Profil. Gerda vermutet, der junge Mann hätte sich wahrscheinlich mit seiner rasanten Fahrweise brüsten wollen. Der Wagen kam ins Schleudern und prallte auf eine lange und hohe Mauer an der rechten Straßenseite.
In dieser Zeit war im öffentlichen Leben nichts organisiert, es gab keine Totenfrauen mehr. Wegen der Behinderung der Mutter musste die 21jährige Gerda die tote Schwester versorgen. „Sie hatte überall blaue Flecken, auch im Gesicht, wahrscheinlich von dem Unfall.“ Gestorben sei sie ihrer Kenntnis nach an gebrochener Wirbelsäule, ob ein Arzt anwesend war, weiß Gerda nicht mehr.
Wenige Tage später war der junge Mann aus Oberndorf verschwunden und sie haben nie mehr etwas von ihm gehört. Der Unfall wurde auch nicht weiter verfolgt oder gar aufgeklärt.

Der Vater taucht in Gerdas Erzählungen erst wieder auf, als der Ruf der Tante Käthe aus Riedlingen kommt. Sie brauchte Hilfe für ihr Textilgeschäft und der Vater machte sich auf den Weg an die Donau.
Um ihn in Riedlingen zu besuchen und Absprachen für den geplanten Umzug von Oberndorf nach Riedlingen zu treffen, war Gerda zweieinhalb Tage lang zu Fuß unterwegs. Eigentlich war es verboten, die Besatzungszone zu verlassen, die Franzosen durften sie nicht erwischen. Ab und zu sei sie auch für ein paar Kilometer auf einem Pferdewagen mit genommen worden. In Riedlingen angekommen, war sie so erschöpft und ausgehungert, dass die Verwandten sie die Treppe hochziehen mussten. Der Umzug der ganzen Familie erfolgte schließlich 1949, sie bezogen eine Miet-Wohnung am Riedlinger Vogelberg.

Schon vorher wurden der Bruder Leo und die kränkelnde kleine Traudi zur Tante nach Riedlingen geschickt. Der Preis für die Versorgung war wohl der Wechsel der Konfession, die beiden Kinder wurden in Anpassung an die Riedlinger Tradition katholisch getauft. Traudi musste die katholische Mädchen-schule in Obermarchtal besuchen, was ihr wohl weniger gefallen hat. Gerda erinnert sich, eine der Ordnens-Schwestern sei geradezu Jenseitssüchtig gewesen, die hätte sich nichts sehnlicher gewünscht, als möglichst schnell in den Himmel zu kommen. Sie sei vor Heimweh fast gestorben, erinnert sich Schwester Traudi.

Der große Vorteil Riedlingens lag wohl in der umfangreichen alteingesessenen Verwandtschaft, der Arbeitsmöglichkeit für den Vater und die Tatsache, dass es an der Donau mehr zu essen gab, offenbar waren die Leute in Oberschwaben wohlhabender als im engen Schwarzwald-Tal.